Frieden durch Dialog

Offene Denk- und Erfahrungsräume: Frau Julie Nautré über den Forschungscampus Dahlem
Frau Julie Nautré ist Geschäftsführerin des Forschungscampus am Museumsstandort Dahlem, ein Forschungs- und Präsentationsort neuen Typs. Ihn zeichnet das sparten- und sammlungsübergreifende Zusammenwirken verschiedener Institutionen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) aus. Wir sprachen mit Frau Nautré.

Liebe Frau Nautré, was ist die Grundidee hinter dem Forschungscampus Dahlem als Ausstellungsort?
Der Forschungscampus Dahlem versteht sich als ein Ort, an dem die Grenzen zwischen Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft bewusst durchlässig gemacht werden. Unsere Grundidee ist es, Forschung aus den Instituten, Museen und Laboren heraus in einen öffentlichen Raum zu überführen, in dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Dabei unterscheiden wir uns bewusst von einem klassischen Ausstellungsort: Uns geht es nicht allein darum, Ergebnisse sichtbar zu machen, sondern darum, partizipative Formate zu etablieren und die Gesellschaft durch Teilhabe in Forschungsprozesse einzubinden. So entstehen neue Zugänge zu Wissen, die über rein akademische Diskurse hinausgehen und ohne Hierarchien gemeinsame Denk- und Erfahrungsräume eröffnen.
Wie bringen Sie hier Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft miteinander ins Gespräch?
Unsere Idee ist es, Künstlerinnen und Künstler, Forschende aus aller Welt sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen, um Kooperationsprojekte mit unterschiedlichen Perspektiven zu ermöglichen. Das Ziel ist nicht, fertige Antworten zu liefern, sondern gemeinsame Prozesse anzustoßen. Wissenschaftler*innen und internationale Kulturexpert*innen bringen ihre Fragen und Erkenntnisse ein, Kunst eröffnet ästhetische und emotionale Zugänge, und die Gesellschaft teilt ihre Erfahrungen und Sichtweisen. So entstehen Formate, die verschiedene Zugänge zusammenführen und neue Impulse im Austausch eröffnen.
Welche Rolle spielt Dialog und Vielfalt in Ihrem Konzept?
Dialog und Vielfalt sind das Fundament unserer Arbeit. Wir sind überzeugt, dass wirklich relevante Erkenntnisse nur entstehen, wenn unterschiedliche Stimmen, Identitäten und Perspektiven miteinander in Kontakt treten. Vielfalt verstehen wir dabei als Bereicherung, weil sie neue Sichtweisen eröffnet und uns hilft, über gewohnte Denkmuster hinauszugehen. Der Dialog ist das Instrument, um diese Offenheit lebendig werden zu lassen: Er bringt Menschen zusammen, ermöglicht gegenseitiges Verständnis und schafft die Basis für neue gemeinsame Lösungen. Genau dadurch werden neue Horizonte eröffnet – sowohl in der Forschung als auch in der Gesellschaft.
Die 5. Muslimische Kulturwoche wird bei Ihnen mit einer Ausstellung von Haji Noor Deen und mehreren Veranstaltungen vertreten sein – was bedeutet Ihnen diese Verbindung?
Wir freuen uns sehr, dass ein Teil des Programms der Muslimischen Kulturwoche im Forschungscampus Dahlem stattfindet. Für uns ist das eine wunderbare Gelegenheit, unseren Anspruch als Ort des Dialogs konkret umzusetzen. Die Werke von Haji Noor Deen, der kalligrafische Traditionen aus der arabischen und der chinesischen Kultur miteinander verbindet, stehen exemplarisch für das, was wir hier fördern möchten: Verbindungen zwischen unterschiedlichen Traditionen, Denkweisen und Ausdrucksformen. Insgesamt zeichnet die Muslimische Kulturwoche die besondere Fähigkeit aus, Kulturen miteinander ins Gespräch zu bringen und neue Formen der Begegnung zu eröffnen. Genau dieses Potenzial zur Verständigung und zum offenen Austausch macht die gemeinsame Zusammenarbeit für uns so wertvoll.
Welche Impulse kann die Muslimische Kulturwoche Ihrer Meinung nach in den Diskurs rund um Wissenschaft, Gesellschaft und Identität einbringen?
Die Muslimische Kulturwoche eröffnet wertvolle Perspektiven für den gesellschaftlichen Dialog. Sie macht sichtbar, wie unterschiedliche kulturelle und religiöse Traditionen unser Denken über Identität prägen und wie diese Vielfalt neue Fragen an unser Zusammenleben aufwirft. Für den Forschungscampus ist das besonders spannend, weil sich hier konkrete Anknüpfungspunkte zur Wissenschaft und zur Museumsarbeit ergeben: etwa in der Auseinandersetzung mit Fragen von Sprache, Geschichte, Kunstgeschichte oder auch gesellschaftlicher Integration. Wissenschaft tritt so in einen Austausch mit kulturellen Ausdrucksformen und erfährt neue Impulse für ihre eigenen Fragestellungen. Gerade in einer Zeit, in der öffentliche Debatten oft von Gegensätzen geprägt sind, schafft die Kulturwoche Momente des Zuhörens und der Offenheit. Sie lädt dazu ein, Unterschiede nicht als Trennung zu sehen, sondern als Bereicherung und als Ausgangspunkt, um gemeinsam über Gegenwart und Zukunft nachzudenken.